Home

brunolie Blog

Ratgeber

Wie sanfte und respektvolle Hundeerziehung aussehen sollte

Zurück

Clarissa von Reinhardt ist seit 1993 Hundetrainerin, Gründerin der Hundeschule animal learn, Autorin zahlreicher Fachbücher und Initiatorin des Kollegenkreises Gewaltfreies Hundetraining. Eines ihrer erklärten Ziele: Hundehaltern vermitteln, dass gute und effektive Hundeerziehung nichts mit Gewalt und Bestrafung zu tun hat, sondern mit Vertrauen, Geduld und sehr viel Wertschätzung. Wir freuen uns, dass wir sie für ein Interview gewinnen konnten.

Liebe Frau von Reinhardt, was genau kann man sich unter „gewaltfreiem Hundetraining“ vorstellen?

Dazu gehört, auf körperliche und auch psychische Gewalteinwirkung zu verzichten. Veraltete Trainingsmethoden wie Leinenruck, das Drücken auf den Boden, das Anschreien des Hundes und ein generell harscher Umgangston, um der vermeintliche „Alpha“ seines Tieres zu sein, sind nicht nur kontraproduktiv für stressfreies Lernen, sondern auch ein Hinweis darauf, dass Trainer, die diese Methoden anwenden, nicht auf dem neuesten Stand der lernpsychologischen Grundlagen sind.

Warum ist eine sanfte Hundeerziehung, wie sie bei animal learn gelehrt wird, die wesentlich bessere Wahl?

Weil Einschüchterung und körperliche Gewalt den Hund verängstigen und stressen. Beides, sowohl Angst als auch Stress, setzt erwiesenermaßen die Lernleistung herab. Hierzu gibt es zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen bei Mensch und Tier. Abgesehen davon macht es mir keine Freude, ein anderes Lebewesen zu misshandeln. Wenn Trainer mit harten Erziehungsmethoden arbeiten und an dieser Arbeit auch noch Freude haben, sagt dies mehr über deren Psyche aus als über die des Tieres.

Man hört immer wieder den Satz „Man muss dem Hund zeigen, wer der Chef ist“. Was halten Sie von solchen Aussagen?

Sie sind komplett unsinnig. Schon seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts ist bewiesen, dass es eine lineare Dominanzrangordnung nicht gibt, wie sie von Menschen postuliert wird, die so argumentieren. David Mech, Marc Bekoff, James O`Heare und viele weitere haben in wissenschaftlichen Untersuchungen bewiesen, dass diese strikte hierarchische Struktur aufgrund von Fehlinterpretationen angenommen wurde, die widerlegt sind. Abgesehen davon wurde wölfisches Verhalten mit dem Verhalten domestizierter Haushunde verglichen, was der nächste Fehler ist – ebenso wie die Annahme, dass wir Menschen mit unseren Hunden eine Rangordnung hätten.

Um die Komplexität der Mensch-Hund-Beziehung zu verstehen, ist es besser, sich eine Art Elternschaft des Menschen gegenüber seinem Hund vorzustellen. Eltern führen die Familie (hoffentlich!) aufgrund von mehr Erfahrung und mehr Sozialkompetenz, nicht über Gewalteinwirkung und Unterdrückung. Erik Zimen sprach schon in den 80er Jahren über die „sozial bedingte Kindlichkeit“ unserer Haushunde, die daraus resultiert, dass Hunde in Obhut des Menschen nicht wirklich erwachsen werden (dürfen). Denn zum Erwachsensein gehört, sich Nahrung selbst zu organisieren und sich seinen Sexualpartner frei zu wählen. Beides erlauben wir unseren Haushunden nicht. Wir halten sie dadurch sozusagen stets in einem ewig jungen Stadium.

Was sagen Sie Zweiflern, die nicht glauben können, dass ein Hund tatsächlich auch auf sanfte Art und Weise wunderbar erzogen werden kann?

Einem solchen Zweifler würde ich sagen, dass er sich bitte besser informieren und über seine eigene Lust, ein anderes Lebewesen über Druck und Zwang zu dominieren, nachdenken soll. Außerdem würde ich eine kurze Lerneinheit vorführen, die das Gegenteil beweist.

Was sind Ihrer Meinung nach die häufigsten und zugleich schlimmsten Fehler, die Hundehalter in der Hundeerziehung begehen?

Da gibt es leider viele. Zunächst einmal wird den Hunden in der Regel gar nicht wirklich erklärt, welches Verhalten von ihnen erwartet wird. Die Menschen sagen einfach irgendein Kommando und erwarten, dass der Hund weiß, was das bedeuten soll. Oftmals wird der Hund sogar nur beim Namen angesprochen und dennoch soll er wissen, dass „Bello“ mal bedeutet, dass er kommen soll, mal, dass er nicht an dem Kot von Artgenossen schnüffeln soll und mal, dass er ins Auto springen soll. Gleichzeitig machen sich die Halter kaum Gedanken darüber, wann welches Kommando überhaupt Sinn macht, beziehungsweise wann es keinesfalls angewendet werden sollte.

Haben Sie ein typisches Beispiel für uns?

Beispielsweise verlangen immer noch viele Menschen von ihrem Hund das Absitzen vor dem Überqueren der Straße. Als Vorgabe gilt, dass der Hund das immer machen soll, damit sich dieser Vorgang fest verankert und der Hund niemals ungefragt einfach auf die Straße rennt. Dabei wird aber nicht bedacht, dass er dann auch bei Gewitter, Schneesturm, Hagel usw. sitzen muss oder bei dreckigem Untergrund, oder wenn er Schmerzen hat. Das will der Hund natürlich nicht und dann wird durch Zerren an der Leine oder einen scharfen Befehlston darauf bestanden. Das ist komplett unsinnig. Warum bringt man dem Hund nicht gleich bei, dass er vor dem Überqueren der Straße stehen bleibt und erst dann los läuft, wenn er das Signal dafür erhält?! Ist das Wetter oder die Umgebung so schlecht, dass er nicht stehen kann, ist man auch sicher nicht mit ihm unterwegs.

Oder der Hund wird abgerufen, während er bedroht wird und sich dem Angreifer stellen muss. Oder, oder, oder… man könnte ein ganzes Buch über die Unsinnigkeiten der Kommandogebung durch schlecht geschulte oder einfach nicht nachdenkende Halter und Trainer schreiben. Dann kommt die Ungeduld hinzu. Kaum hat ein Hund halbwegs verstanden, was er tun soll, wird erwartet, dass er es auch unter maximaler Ablenkung beherrscht. Aber auch bei uns Menschen kommt ja nicht nach der Einschulung mit Zuckertüte gleich das Abitur.

Woher rührt das Denken vieler Menschen, Hundeerziehung habe zu einem gewissen Grad immer auch mit Strafe und mitunter Gewalt zu tun? 

Ich denke, ein ganz wesentlicher Anteil ist den TV-Hundetrainern zuzuschreiben, die erstens über Gewalt arbeiten und es dadurch einem Millionenpublikum vormachen und zweitens behaupten, das müsse so sein. Nun könnte man natürlich darüber nachdenken, wie viele Anteile der Schuld diese Trainer auf sich laden und wie viele Anteile den Sendern, die diesen Mist produzieren und ausstrahlen, angelastet werden muss.

Auch das Internet trägt maßgeblich dazu bei, dass sich jeder äußern kann, selbst wenn diese Person überhaupt keine Ahnung von Hunden, Lernpsychologie, Ethologie usw. hat. In Zeiten der medialen Massenbeeinflussung ist es jedoch zunehmend schwerer für den Einzelnen, sich gegen die Menge zu stellen und nicht mitzumachen, was doch alle tun.

Und letztendlich ist aber auch jeder Halter in der Verantwortung, Hirn und Herz einzuschalten und sich zu fragen, ob die gegebenen Erziehungstipps wirklich dem entsprechen, was man sich für den eigenen Hund wünscht. Für mich gilt da eine ganz einfache Formel: Wenn ich ein Hund wäre, würde ich so behandelt werden wollen? Wenn die Antwort „nein“ oder auch nur „ich weiß nicht recht“ ist, lasse ich es, egal, was mir empfohlen wird.

Welche Auswirkungen kann körperliche und seelische Gewalt im schlimmsten Fall auf einen Hund haben?

Im schlimmsten Fall kann es zur sogenannten erlernten Hilflosigkeit kommen, in der sich ein Hund völlig aufgibt.

Hunde sollen heute oft kleine Alleskönner sein – Familienhund, kinderlieb, gehorsam, pflegeleicht usw. Liegt hier vielleicht schon des Pudels Kern? Sprich: Überfrachten wir den Hund mit zu vielen Erwartungen?

Ja, das ist ganz sicher so. Hinzu kommt, dass die Menschen in der Regel kaum etwas von dem Hund verstehen, den sie sich ausgesucht haben. Sei dies nun im generellen Umgang mit diesem Tier oder auch im Verstehen der rassespezifischen Eigenschaften, die genetisch fixiert sind. Der Jagdhund soll nicht jagen, der Hüte- und Treibhund nicht hüten und treiben, der Herdenschutzhund nicht schützen usw.

Kann man einen Hund, der jahrelang mit „Kadavergehorsam“ behandelt wurde, mit einem sanften Hundetraining helfen?

Ja, klar! Die Hunde atmen regelrecht auf, wenn der Irrsinn ein Ende hat und sind erleichtert, wenn es jetzt anders läuft. Das zeigen sie auch ganz deutlich in Form von Zuneigung und größerem Wohlbefinden, mehr Ausgeglichenheit. 

Haben Sie das Gefühl, dass sich die sanfte Erziehung auf Augenhöhe und im Einklang mit dem Tier mehr und mehr in Deutschland durchsetzt?

Leider nein. Wir waren schon mal viel weiter. In den 90ern hätte sich kaum jemand öffentlich mit Leinenruck, massiver Einschüchterung und anderen harschen Erziehungsmethoden präsentiert. Dann kamen Millan, Nowak, Schlegel und andere Hardliner und wurden durch Internet und Fernsehen mit ihren Brutalmethoden salonfähig gemacht.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft am meisten von Hundehaltern? 

Da gäbe es vieles. Sich besser zu informieren und selbstkritischer zu hinterfragen, ob überhaupt ein Hund mit ihnen leben soll und falls ja, welcher. Außerdem wieder mehr auf Bauchgefühl und gesunden Menschenverstand zu hören, statt unreflektiert sogenannte „Expertentipps“ nachzubeten und nach ihnen zu leben.

Ich ermuntere meine Kunden immer, kritisch mit Ratschlägen umzugehen. Was interessieren mich Tipps zur Sozialisierung im Stadtbereich, wenn ich auf dem Land lebe und mein Hund niemals mit in Ballungsräume muss? Wozu soll er lernen, mich nicht anzuspringen, wenn mich das gar nicht stört, sondern vielleicht sogar freut? Und warum soll er Kommandos oder Benimmregeln lernen, deren Sinnhaftigkeit sich mir nicht erschließen? Auf den Punkt gebracht, gibt es für Dich und Deinen Hund nur zwei Experten, die darüber entscheiden, was in eurem Leben wichtig ist: Dich und Deinen Hund.